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11.01.2014

«Kunst soll mehr fragen als antworten»

Hat die Netzhammer-Skulptur in Diessenhofen Zukunft? Wenn es nach dem Stadtrat geht, muss sie bis September abgebaut werden. Und was meint der Künstler dazu?

Zeitungsartikel der Schaffhauser Nachrichten, 11. Januar 2014
Interview Edith Fritschi

Wenn Kunst etwas bewegen soll, dann tut das Ihre Installation, Herr Netzhammer. Den Diessenhofener Stadtrat etwa, der entschieden hat, dass die Visiere zu hoch sind und abgebaut werden müssen. Enttäuscht?

Yves Netzhammer: Vielleicht darüber, dass man mein Augenzwinkern nicht versteht. Aber im Ernst. Natürlich mache ich als zeitgenössisch engagierter Künstler keine Dekorationen, sondern möchte Denkprozesse anstossen und etwas bewegen. In diesem Fall das Nachdenken über den öffentlichen Raum, wie wir ihn bewirtschaften und mit unseren Ressourcen umgehen. Deshalb bin ich auch nicht erstaunt, wenn mein Werk einige irritiert, auch wenn ich nicht zu der Sorte Künstler gehöre, die Provokation auf Teufel komm raus anstreben. 

Also nicht die Methode Holzhammer?

Netzhammer: Keinesfalls. Ich setze auch auf Humor und Ironie. Und mein Anliegen ist nicht vordergründig. Ich möchte kein dezidiert politisches Statement abgeben, vielmehr soll meine Kunst das politische Denken anregen. 

Im Sinne Enzensbergers, der über politische Lyrik sagt, der politische Gehalt müsse dem Gedicht immanent sein, und der subversive Gehalt beziehe sich genau aus der Resistenz gegenüber klaren politischen Aussagen? 

Netzhammer: Ja, in diesem Sinne. Mich beschäftigt die Frage, mit welchen Mitteln man das Nachdenken über Kunst und Zivilisation fördern kann, ohne plakativ zu sein oder konventionelle Wege zu gehen. Das habe ich in Diessenhofen versucht. Ich wollte in beziehungsweise um die Villa Rosenheim nicht nur eine Skulptur oder eine Videoinstallation setzen, sondern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit einbeziehen. Zum Beispiel, wie wir mit Zonenplänen umgehen und wie die Welt in ein paar Jahrhunderten aussieht.

Extrem verbaut, vermute ich…

Netzhammer: Wo man hinschaut, findet man Visiere. Deshalb habe ich auch installativ damit gespielt. Um zu zeigen, dass zwischen dem Ausstecken und der Kunst nur eine Unterschrift liegen kann.

Sie spielen auf die Baubewilligung an, die der Stadtrat im Falle ihrer Skulptur forderte und nicht gegeben hat...

Netzhammer: Das Ganze war ja nicht unerwartet und hat eine längere Vorgeschichte, wie mein Werk übrigens auch, das nicht von Anfang an so geplant war. Es war ein Prozess, bei dem ich mich auch mit dem Bau der Raiffeisenbank auseinandergesetzt habe. Zur Villa Rosenheim aus dem Jahr 1900 kam ein neuer, ganz anderer Bau dazu. Und die Villa, ein Signal für Wohlstand vor 100 Jahren, hat damals sicher auch nicht allen gefallen. Ich finde, so etwas zu schützen, löblich, aber man darf das Erscheinungsbild doch auch in Frage stellen. Diese Gedanken sind in die Arbeit eingeflossen. Zudem habe ich den Entstehungsprozess mit dem Architekten Roman Giuliani abgesprochen. 

Ihm dürfte klar gewesen sein, dass es punkto Baubewilligung ein Nachspiel geben könnte?

Netzhammer: Er kennt den Stadtrat Diessenhofen und steht mit ihm in gutem Einvernehmen. Es ist nicht so, dass man auf Provokation aus war. Aber als Künstler muss ich konstatieren, dass mich die Irritation ein wenig freut. Und ich weiss auch, dass ich, wenn ich mich keiner konventionellen Ästhetik bediene, anecken kann. Das ist gut so, aber ich möchte das nicht auf triviale Weise tun. Für mich sind die Visiere auch ein Zeichen der Zeit, die ich inzwischen, weil ich sie selbst einsetze, anders betrachte.

Als Signal für Veränderung im öffentlichen Raum?

Netzhammer: Als neue Erfahrung. Von zeitgenössischer Kunst verlange ich mehr Fragen als Antworten, um Horizonte und Denken zu erweitern. Etwas Schalk darf es auch noch sein, wenn ich visuell über die Welt reflektiere. Zudem hat das Ganze ja vor allem eine poetische Dimension. Die Installation versucht in skizzenhafter Manier, über Veränderung nachzudenken und eine Gestalt dafür vorzuschlagen.

Das zeigen Sie mit dem Vogel auf dem Visier oder dem aufwendig abgegossenen Plastiksack im Innern, der erst auf den zweiten Blick als Teil der Installation erkennbar wird.

Netzhammer: Ja, und ich hoffe, dass er nicht wegkommt.

Während moderne Kunst in den Museen weitgehend akzeptiert ist, haben es Skulpturen und Installationen im öffentlichen Raum noch schwer. Ich denke an den Hafenkran in Zürich, der für Diskussionsstoff sorgt...

Netzhammer: Ich glaube, dass diese Art von kritischer Impulsgebung in der Schweiz wenig Tradition hat. Meist werden nur banale Fragen gestellt wie: Was soll das, und wie viel kostet das?, anstatt diese Versuche als Bereicherung zu sehen, den Raum anders und neu wahrzunehmen. Ich jedenfalls freue mich immer, wenn jemand ein sichtbares Zeichen setzt und mich zum Anhalten und Überlegen zwingt. Das macht den Alltag farbiger.

 

Zeitungsartikel Interview SN, PDF

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